Ein Blick über die Grenzen – Übersetzer in Frankreich

Heute werfen wir einen Blick über die Grenzen nach Frankreich zu Frau Rosemary Faulkner, die seit vielen Jahren als Übersetzerin tätig ist. Wir wollen gerne wissen, ob sich unsere Kollegen in Frankreich den gleichen Herausforderungen stellen müssen und welches Bild sich von unserem Beruf zeichnen lässt.


a.b.t.: Liebe Rosemary, vorerst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten. Sie leben ja schon seit vielen Jahren in Südfrankreich. Was hat Sie denn nach Frankreich verschlagen und wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Rosemary: Ihre Fragen beantworte ich natürlich sehr gerne. Ich bin ja auch neugierig, zu erfahren, wie sich der Markt im Ausland entwickelt und ich halte es auch für sehr wichtig und positiv, dass wir Übersetzer untereinander vernetzt sind und uns austauschen. Das Interesse für Sprache an sich wurde mir schon in die Wiege gelegt, da mein Vater Engländer war und meine Mutter Österreicherin. Daheim war die Zweisprachigkeit für meine Schwester und mich also ein ganz normales Phänomen, mit dem wir aufgewachsen sind. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen hinsichtlich unterschiedlicher Wörter, Ausdrücke oder Redewendungen, die es in der anderen Sprache einfach nicht gibt, haben mich schon immer fasziniert und interessiert. Meine gesamte Schulzeit habe ich im Lycée Français de Vienne verbracht, wo meine Französisch-Kenntnisse herrühren. Zum Übersetzen bin ich eher durch Zufall gekommen. Ursprünglich habe ich eine Karriere im Journalismus angestrebt. Als ich dann angefangen habe, für eine Zeitung auch Übersetzungen anzufertigen, habe ich die Entscheidung getroffen, ganz als freiberufliche Übersetzerin zu arbeiten.

a.b.t.: Und wieso ausgerechnet in Frankreich?

Rosemary: Weil ich mit diesem Land und der Mentalität der Leute seit meiner Schulzeit sehr vertraut bin und es hier einfach sehr schön ist! Das Gute ist ja, dass ich mich als Übersetzerin ja praktisch überall niederlassen kann. Vorausgesetzt, es gibt einen Internet-Anschluss …

a.b.t.: Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren als Übersetzerin. Wie hat sich der Beruf in dieser Zeit verändert?

Rosemary: Meine ersten Übersetzungen habe ich freilich noch mit der Schreibmaschine getippt! Die Aufträge wurden mir damals über Fax, Disketten oder auch per Post übermittelt. Internet und E-Mail kamen erst später. Man hatte damals einfach mehr Zeit, um Angebote zu erstellen und auch die Lieferzeiten waren viel länger als heute. Man muss aber auch sagen, dass das Recherchieren für Fachübersetzungen damals viel aufwendiger war. Bei Aufträgen, wo die Terminologie besonders knifflig war, bin ich oft in die Bibliothek gegangen, um die Ausdrücke und Zusammenhänge bzw. Hintergrundinformationen zu recherchieren, damit die Übersetzung gut und richtig wurde.

Heute geht das mit den ganzen elektronischen Tools, die wir zur Verfügung haben, natürlich viel leichter! Der Zugang zu Informationen ist definitiv einfacher geworden. Das hat die Qualität der Übersetzungen – sofern sie sorgfältig ausgeführt werden – erheblich gesteigert. Durch die ganze Beschleunigung in der Arbeitswelt durch Internet und Computer sind auch wir angehalten, rascher zu liefern. Das erzeugt schon oft Stress, denn obwohl die Erfahrung hilfreich ist, braucht es trotzdem nach wie vor Zeit, eine druckreife Übersetzung abzugeben. Dank Textverarbeitung sind Formatierungs- und Korrekturarbeiten viel einfacher geworden.

a.b.t.: Haben Sie eigentlich Fachgebiete, in denen Sie besonders viel arbeiten?

Rosemary: Ja, ich habe das große Glück, viele Aufträge zu Themen zu erhalten, die mich sehr interessieren wie Ökologie und Umweltthemen. Auch Alternativmedizin und wissenschaftliche Themen liegen mir sehr. Es ist kein Zufall, dass viele meiner Auftraggeber aus diesen Branchen stammen.

a.b.t.: Würden Sie heute wieder den gleichen Beruf wählen?

Rosemary: Grundsätzlich ja, weil es ein unheimlich interessanter und spannender Beruf ist. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir in all den Jahren jemals langweilig war! Na gut, ich gebe zu, bei manchen technischen Beschreibungen wie zum Beispiel jener einer Diamantdrahttrennmaschine musste ich mir schon öfter vorsagen, dass das ein unheimlich spannendes Thema wäre, das ich immer schon vertiefen wollte … Aber Spaß beiseite, man lernt bei jedem Job was dazu, und wenn man Glück hat, erfährt man durch das Thema auch eine persönliche Bereicherung. Ich unterrichte auch 1 Mal in der Woche an der Uni im Masterstudium für Translationswissenschaften. Dabei bemühe ich mich, den Studenten diesen Beruf in all seinen Facetten näherzubringen. Diese Arbeit mit den Studenten macht mir großen Spaß. Ich freue mich, wenn es mir gelingt, sie für Ihren zukünftigen Beruf zu begeistern und sie auch gut darauf vorzubereiten.

a.b.t.: Neben anderen Kunden im Ausland haben Sie auch Kunden in der Schweiz. Worauf müssen Sie im Umgang mit den Schweizer Kunden achten?

Rosemary: ich kenne meine Kunden aus der Schweiz seit 20 Jahren und ich weiß, dass sie sehr anspruchsvoll sind. Es gibt große Unterschiede zwischen dem Französisch, das in der Schweiz gesprochen wird zu dem in Frankreich üblichen. Es genügt keinesfalls, die Texte „wie gewohnt“ zu übersetzen. Schweizer Kunden legen großen Wert auf die Beachtung ihrer „Eigenarten“ und es ist unerlässlich, die Begriffe, Ausdrucksweisen und offiziellen Bezeichnungen, die in der Schweiz üblich sind, zu kennen.

a.b.t.: Welcher Verrechnungsmodus für Übersetzungen ist in Frankreich üblich?

Rosemary: In Frankreich wird pro Wort verrechnet. In Österreich, in der Schweiz und in Deutschland ist meines Wissens noch immer die Abrechnung nach Normzeile üblicher.

a.b.t.: Welche Themen bewegen die Übersetzergemeinschaft in Frankreich?

Rosemary: Eines der großen und viel diskutierten Themen ist, was man am besten gegen Dumping tut. Wie kann man sich gegen Dumping-Anbieter wehren und Tarife aufrecht halten, die uns ein Auskommen sichern. Denn eine gute und korrekte Übersetzung bracht Zeit, Wissen und Geduld. Das alles hat seinen Preis!

a.b.t.: Arbeiten Sie eigentlich mit einem Translation Memory?

Rosemary: Selbstverständlich. Auch das ist einer der wesentlichen Unterschiede zu früher. Der Einsatz eines Translation Memorys macht die Arbeit effizienter. Ohne dieses Tool ist man heute nicht mehr wettbewerbs- und somit nicht überlebensfähig!

a.b.t.: Liebe Rosemary, vielen Dank für dieses Interview!